Aufruf zur Kundgebung am 8. September 2020

Erinnern an NS-Zwangsarbeit im Hamburger Kontorhausviertel

Zwangsarbeit in Hamburg – das Thema ist erst viele Jahrzehnte nach Kriegsende als Teil nationalsozialistischer Kriegsverbrechen in den Fokus gerückt. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden hunderttausende Zivilist_innen und Kriegsgefangene aus dem besetzten Europa nach Hamburg verschleppt. Zur Gruppe der Zwangsarbeiter_innen zählten auch KZ-Häftlinge. Alle von ihnen wurden zur Arbeit gezwungen, etwa in der Rüstungsindustrie oder Trümmerräumung infolge des Luftkriegs – so auch in der Hamburger Altstadt. Im Kontorhausviertel erinnert jedoch bislang nichts an diese Menschen. Hier waren ab Dezember 1943 tausende Zwangsarbeiter_innen in drei Kontorhäusern untergebracht, die notdürftig zu Lagern hergerichtet worden waren. Diese befanden sich im heute nicht mehr bestehenden Klostertorhof (Burchardstraße 1), im Vereinsbank-Haus (ehemalige Marschländerstraße 11) und im Heinrich-Bauer-Haus (Burchardstraße 11).

An die im Kontorhausviertel untergebrachten Zwangsarbeiter_innen möchten wir mit einer Kundgebung am 8. September 2020 erinnern. Der 8. September ist der Jahrestag des Waffenstillstands zwischen Italien und den Alliierten nach dem Sturz Benito Mussolinis 1943. Dem Waffenstillstand folgten die deutsche Besetzung Norditaliens, Massenverhaftungen hunderttausender italienischer Soldaten und ihre Deportation. Über 12.000 von ihnen wurden nach Hamburg verschleppt und in Zwangsarbeitslagern inhaftiert. Die Nationalsozialisten gaben ihnen den Status “Miltärinternierte” und verweigerten ihnen die Behandlung als Kriegsgefangene nach der Genfer Konvention. Viele von ihnen erlebten das Kriegsende und die Befreiung nicht.

Am 8. September 2020 soll um 17.30 Uhr eine Kundgebung im Kontorhausviertel, wo sich die Zwangsarbeitslager befanden, an diesen Teil der Geschichte erinnern. Bis auf ein Mahnmal am ehemaligen Wasserwerk Kaltehofe und einem Ehrenhain auf dem Öjendorfer Friedhof, wo auch Zwangsarbeiter_innen aus dem Kontorhausviertel bestattet wurden, fehlt eine öffentliche Erinnerung an die italienischen Militärinternierten in Hamburg. Wir finden, dass das Gedenken an NS-Zwangsarbeit, von der Hamburger Unternehmen sowie die Stadt selbst profitiert haben, im öffentlichen Raum sichtbar und zugänglich sein muss. Die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit benötigt Raum.

Zur Kundgebung rufen auf:

Initiative Kein Vergessen im Kontorhausviertel, Initiative Dessauer Ufer, St. Pauli-Archiv/Projektgruppe Italienische Militärinternierte, Arbeitsgemeinschaft Neuengamme e.v, AK Distomo

Hier der Aufruf als pdf